Warum das Radio in Deutschland noch lange nicht tot ist

Eben habe ich den Beitrag „Die Schwäche des Radios ist die Schwäche von DAB+“ gelesen, den Hans Hoff für das Medienmagazin DWDL geschrieben hat.

Darin geht es eigentlich zunächst um Technisches: DAB+, das digitale terrestrische Radio, will sich in Deutschland einfach nicht durchsetzen.

Auf der Suche nach den Gründen dafür kommt Hoff natürlich auch auf die Inhalte des Radios zu sprechen und darauf, dass diese nach Auffassung vieler in weiten Teilen nur noch aus platten Moderationen und Musik von der Stange bestehen.

Die privaten Stationen seien ohnehin betroffen. Aber eben längst nicht mehr nur:

Das öffentlich-rechtliche Radio steckt tief in einer Krise. Darüber täuschen auch nicht die wenigen ordentlichen Wortprogramme, die es hier und da noch gibt, nicht hinweg. Auch nicht das ordentliche Deutschlandradio. Es geht um das Radio in der Breite.

Auch die wohl maßgeblich von der Hörfunkdirektorin des Westdeutschen Rundfunks, Valerie Weberinitiierten Änderungen in den Radioprogrammen des WDR kritisiert Hoff:

Das WDR-Beispiel erachte ich als leider traurig repräsentativ fürs deutsche Radio (…)

Die Sicht der Journalisten

Als ich mich mit einem Journalistenkollegen über Hans Hoffs Beitrag kurz unterhalte, fällt mir einmal wieder eines auf: Der Autor, wie auch wir, haben eine – wen wundert es? – sehr journalistische Sicht auf die Dinge. Eine Sicht, die den (nicht abwertend gemeint!) Durchschnittshörer da draußen vermutlich nur wenig bis nicht interessiert.

Vielleicht müssen wir uns als Journalisten mit dem Gedanken anfreunden, dass den meisten Menschen ziemlich egal ist, was sie im Radio hören (ich beziehe mich hier nicht auf die Wortradios, sondern die klassischen AC-Wellen wie WDR2 oder Antenne Bayern).

Beziehung zwischen Hörer und Moderator

Hauptsache, sie fühlen sich halbwegs unterhalten – und, ganz wichtig: sie bauen zu den Moderatoren im Idealfall eine parasoziale Beziehung auf. Das ist mehr als schlichte Hörerbindung.

Ich habe in diesem Blog viele Aktionen von Valerie Weber, der amtierenden Hörfunkchefin des WDR, kritisiert. Und auch vieles von dem, was sie vorher bei Antenne Bayern gemacht hat.

Was Valerie Weber erkannt hat

Aber ich denke, dass sie ebendiese offensichtlich wichtige Bindung zwischen Hörer und Moderator besser verinnerlicht und als für den Erfolg einer Welle entscheidend erkannt hat als die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen.

Wer das Programm von Antenne Bayern verfolgt, dem Sender, für den sie zuvor als Programmchefin und Geschäftsführerin tätig war, merkt vor allem eines: die Moderatoren sind (im Gegensatz zu vielen anderen Versatzstücken des erfolgreichen Formatradios) eben nicht von der Stange, sondern vermögen es, die Hörer „mitzunehmen“ und über den Tag weg zu „begleiten“ – bei der Arbeit oder wo auch immer.

Wolfgang Leikermoser – Ein Star in Bayern

Man kann sicher darüber streiten, aber ich bin der Meinung, dass diese Etablierung von parasozialen Beziehungen im Hinblick auf einige Moderatoren von Antenne Bayern ganz besonders gut gelungen ist. Bestes Beispiel ist hier Wolfgang Leikermoser, der seit Jahren die Morgensendung moderiert und in Bayern einen Status hat, wie ihn sonst nur nationale Fernsehstars haben.

Als tragisch kann man da nur die Tatsache bezeichnen, dass ebendiese ausgesuchten Moderatoren ihr volles Potenzial nicht mehr wirklich zum Ausdruck bringen können. Weil sie schlicht keine Redezeit mehr haben und in der wenigen Zeit zum Moderieren den strengen Vorgaben des Formats unterworfen sind: Sie müssen die „coolen Klassiker“ (Formatsprech bei Antenne Bayern) bewerben oder die aktuelle Major Promotion bewerben.

Und das ist schade. Man kann natürlich nur darüber spekulieren, ob ebendiese quasi Bedrängung der Moderatoren durch die Programm- und Senderchefs der Grund dafür ist, dass merklich viele der guten Leute den Sender wechseln. Jüngst bei Antenne Bayern waren das etwa Kathie Kleff und Melitta Varlam. Auf Facebook schrieb Letztere:

16 schöne Jahre bei Antenne Bayern liegen hinter mir; es war einfach mal Zeit für nen Tapetenwechsel !

Gute Moderatoren binden

Ich glaube nicht, dass das deutsche Formatradio die Masse seiner Hörer stört, trotz seiner „Defizite“, die Hans Hoff herausgearbeitet hat und ausführlich beschreibt. (An dieser Stelle nun könnte man eine wissenschaftliche Diskussion darüber starten, ob der Hörer ebendie Programme bekommt, die er vom Produzenten fordert, oder ob der Produzent dem Hörer seine „Ware“ aufdrückt, aber das würde zu weit führen.)

Wohl aber denke ich, dass gewisse Sender (und hier muss ich Antenne Bayern zuallererst nennen) aufpassen müssen, dass ihnen nicht das unterläuft, was man einen „Braindrain“ nennen könnte.

Seit Kathie Kleff und Melitta Varlam den Sender verlassen haben, dürfte für so manchen Hörer nicht mehr nachvollziehbar sein, wer denn nun wann am Vormittag moderiert. Auch wenn die neuen Stimmen wie gewohnt gut sind: Sie sind neu, und das kann sehr schnell störend wirken. Das weiß jeder Programmchef.

Parasoziale Beziehungen

Die Moderatoren und die parasozialen Beziehungen zu ebendiesen, die die Hörer über Jahre hinweg aufbauen, sind meiner Ansicht nach für jedes Radioprogramm und dessen Fortbestand das Allerwichtigste. Man mag es schade finden, aber die Inhalte spielen möglicherweise tatsächlich eine untergeordnete Rolle. Und noch mehr der Verbreitungsweg.

Die Aufgabe auch in Zukunft erfolgreicher Programmmacher muss sein, ein Programmumfeld zu schaffen, mit dem sich etablierte Moderatoren (und auch neue Aspiranten) anfreunden können. Es muss nicht intellektuell sein, sie müssen es nicht lieben, aber zumindest mögen. Dann tun es die Hörer auch.

Mehr kreativer Freiraum für Moderatoren!

Auch wenn es abgedroschen klingt: Den Moderatoren muss kreativer Freiraum geboten werden, im Rahmen dessen sie sich zumindest wieder ein wenig persönlich entfalten können. Das ist derzeit vielerorts schlicht nicht der Fall.

Bis das Radio, wie wir es kennen, tot ist, bleibt noch Zeit. Und solange Spotify, Apple Music & Co noch keine etablierten Moderatoren haben, denen sich die Hörer nahe fühlen, so lange sind diese Dienste keine ernsthafte Konkurrenz fürs Radio. Das ist die gute Nachricht für alle Radiomacher in diesem Land.

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