Alternativtext

Antenne Bayern – Zwischen Schmankerl-Show und Formatradio

Wer schon etwas länger in Bayern lebt, erinnert sich möglicherweise noch an diese Anzeige (unten) aus den Neunzigerjahren. Damals bewies das bayerische Privatradio Antenne Bayern noch Witz und Ironie im Umgang mit seinen Hörern, es war in vielerlei Hinsicht seinem Hauptkonkurrenten, Bayern 3 vom Bayerischen Rundfunk (BR), voraus.

Print-Anzeige von Antenne Bayern aus den Neunzigerjahren; Quelle: Archiv radiowatcher/Scan
Print-Anzeige von Antenne Bayern aus den Neunzigerjahren; Quelle: Archiv RADIOWATCHER

Besonders die erste Moderatorengarde um Stephan Lehmann (jetzt bei Bayern 1), Wolfgang Leikermoser (nach wie vor Morningshow-Aushängeschild des Senders) und Katrin Müller-Hohenstein (heute Moderatorin des „Aktuellen Sportstudios“ im ZDF) fiel auf, kurz: Das Radiohören machte hier meistens Spaß.

„Guten Morgen, Bayern – mit Wolfgang Leikermoser. Der Morgen hätte so schön werden können!“ – soviel Augenzwinkern würde sich die Station-Voice heute nie und nimmer mehr herausnehmen.

Heute ist Antenne Bayern in weiten Strecken durchformatiertes Programm. Dafür, dass in den vergangenen Jahren neben Lehmann auch Müller-Hohenstein, Marcus Fahn und Talker Stephan Parrisius (Shows „Parrisius“ und „Die Wahrheit“ auf Antenne Bayern, heute Moderator bei Bayern 2) den Sender verlassen hatten, wurde oft Valerie Weber veantwortlich gemacht, jene Dame, die 2004 zu Antenne Bayern kam und seitdem den Posten der Programmdirektorin innehat.

Vielleicht hilft der folgende Clip, das, was sie mit dem Sender mittelfristig vorhatte, zu demonstrieren. Immerhin mehr als eine Minute lang bedankte sie sich im Rahmen der Nachrichtensendung (!) zur vollen Stunde bei ihrem Personal und den Hörern, nachdem auch im Jahr 2009 die Media-Analyse Radio II ein für ihren Sender erfreuliches Ergebnis bekanntgegeben hatte.

Man habe „Radiogeschichte“ geschrieben und mache „gutes Programm“, hieß es. Deswegen, und weil man vor und den hinter den Geräten so gut aufgestellt sei, so die Argumentation, habe man die Millionen-Hörer-Marke geknackt:

Vielleicht ist es etwas zu einfach, eine einzige Person für das verantwortlich zu machen, was in den vergangenen acht Jahren beim Sender geschah, vielleicht aber auch nicht.

Besonders augenfällig wurde der eingeschlagene Kurs im Jahr 2011, als Antenne Bayern bei der jährlich zweimal durchgeführten Media-Analyse Radio attestiert wurde, dass es (nach langer Zeit wieder einmal) bei einem Teil seines Publikums offensichtlich durchgefallen war.

Hörerschwund bei Antenne Bayern

Verlieren, das heißt bei einem sehr populären Sender wie eben jenem aus dem Münchener Vorort Ismaning, dass man zuerst mehr als 12 Prozent Hörer verliert (MA 2011 Radio I) und anschließend gar unter die Millionenmarke fällt (MA 2011 Radio II), also nur noch weniger als eine Million Hörer pro Durchschnittsstunde erreicht.

Landing Page von antenne.de am 9. März 2011 nach Verkündung der Radio-MA-Zahlen; Quelle: antenne.de/Screenshot/Archiv radiowatcher
Landing Page von antenne.de am 9. März 2011 nach Verkündung der Radio-MA-Zahlen; Quelle: antenne.de/Screenshot/Archiv radiowatcher

Beim ersten Rutsch im März 2011 gab es trotzdem noch „ein dickes Dankeschön“ an die Hörer (s. Abb. links), beim zweiten, einer Art Pyrrhussieg, im Juli 2011 wechselte man im eigenen Interesse für die Ankündigung auf der Website kurzerhand die Währung in „Hörer pro Tag“ und kürte sich auf diese Weise zum „meistgehörten bayerischen Radiosender“.

Die Folge dieser beiden Erhebungsergebnisse des Jahres 2011 dürfte dann die bayernweite Kampagne „Wir lieben Bayern – Wir lieben Musik“ gewesen sein, mit der „wir im Freistaat mitten in die Herzen getroffen“ haben, wie Programmchefin Valerie Weber im März 2012 bei radioszene.de attestierte: „Der Brand“ (unbedingt englisch aussprechen!) habe „Bayern und alle Hörergruppen bewegt“,  „das gesamte Team“ habe „alle Teile unseres Programms an dieser Idee ausgerichtet und daraufhin feinjustiert“.

Kampagne "Wir lieben Bayern – Wir lieben Musik"; Quelle: antenne.de/Screenshot
Kampagne „Wir lieben Bayern – Wir lieben Musik“; Quelle: antenne.de/Screenshot

Übersetzt heißt das wohl soviel wie: das Programm wurde so stromlinienförmig wie nur möglich gemacht, der Trend ging nach Auffassung vieler Beobachter ohnehin schon seit Jahren in diese Richtung.

Wie auch bei vielen anderen Sendern machte das Formatradio aus Sendungen wie „Highlife“ „Antenne Bayern bei der Arbeit“, aus „18/21“ von 18 bis 21 Uhr wurde im Laufe der Zeit „Antenne Bayern am Abend“. Für die Zukunft ging man offensichtlich davon aus, dass der, der wenig Überraschungen bietet und wenig aneckt, vom Hörer zumindest geduldet – und nicht weggeschaltet wird.

Kampagne „Wir lieben Bayern“

„Wir lieben Bayern – Wir lieben Musik“, das hatte freilich auch zur Folge, dass der Sender sich folglich verstärkt Mühe gab, diese neue Botschaft an die bayerische Bevölkerung zu kommunizieren – auch in Form von Plakaten im Sendegebiet.

Damit auch die Hörer im Allgäu zufrieden sind, wurde für diese eigens ein spezielles Motiv entwickelt, ebenso unter anderem auch für die Franken, die im Norden des Sendegebiets nicht nur aus historischen Gründen oft schlecht auf „die im Süden“ zu sprechen sind.

Plakat-Werbung von Antenne Bayern in Franken; Quelle: Archiv radiowatcher
Vernünftig: In Franken liebt Antenne Bayern Franken, und eben nicht Bayern; Aufnahme von 2013; Quelle: Archiv radiowatcher

Eine Anekdote: Dass auch in Parsberg in der Oberpfalz fälschlicherweise ein „Franken“-Plakat veklebt worden war, wurde im Oktober 2011 beim Bürgerreporter-Portal myheimat.de sogleich kritisch vermerkt: „“Wir lieben Musik-Plakate“ gibt es für verschiedene Regionen. Schade, dass das Werbeetat für die Oberpfalz nicht mehr ausgereicht hat.“, hieß es vom Autor.

Die Kampagne geht weiter

2013 läuft die Kampagne noch immer. Gerne wird in regelmäßigen Abständen im Programm von Antenne Bayern darauf verwiesen, dass man Bayern tatsächlich (selbstverständlich schon von Berufs wegen) noch immer liebt – und natürlich die Hits. Ein wenig pathetisch vorgetragen klingt das dann so:

Da man in der Programmgestaltung offensichtlich der Meinung ist, dass zum richtigen Heimatgefühl traditionell auch Sehenswürdigkeiten gehören, hat man sich auch für diese etwas ausgedacht:

„Wir lieben Bayern“-Songs für jede Lebenslage

Ein wenig (Regional-)Patriotismus ist natürlich nicht schlimm. Das ausgiebige, oft geradezu penetrante Zelebrieren des Bayerischseins mag so manchen Hörer allerdings auch nerven. Besonders eifrig ist der Sender mit dem Auflegen immer neuer  „Wir lieben Bayern“-Songs: Einen gibt es für den Sommer, einen für den Winter, einen für die Weihnachtszeit und einen für den Frühling.

Auf der Website des Senders kann man die zugegebenermaßen immerhin recht launigen, von Antenne Bayern selbst produzierten Lieder kostenlos als MP3-Datei laden, auch bei Spotify sind sie verfügbar, bei Amazon und iTunes kosten sie.

Die "Wir lieben Bayern"-Songs werden im Netz auch verkauft; Quelle: amazon.de/Screenshot
Die „Wir lieben Bayern“-Songs werden im Netz auch verkauft; Quelle: amazon.de/Screenshot

Verständlicherweise legt der Sender Wert darauf, dass sich die Hörer aller bayerischen Regierungsbezirke vom Programm angesprochen fühlen. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Wahl von Antenne Bayern, sich mit der „Antenne Bayern Schmankerl Show“ seit Neuestem nun explizit oberbayerisch zu geben.

Die Sendung, in der Reporter Andreas Christl durchs „Antenne Bayern Land“ zieht und regionale kulinarische Spezialitäten vorstellt, ist schon deswegen etwas Besonderes, weil der Mittzwanziger aus Schrobenhausen seinen Heimatdialekt, Oberbayerisch, offensichtlich auch im Radio explizit kultivieren soll, wie man hier in ausgewählten Ausschnitten der Sendung vom 13. Januar 2013 hören kann:

Die "Antenne Bayern Schmankerl Show" auf der Website des Senders; Quelle: antenne.de/Screenshot
Die „Antenne Bayern Schmankerl Show“ auf der Website des Senders; Quelle: antenne.de/Screenshot

Das demonstrative „Habe die Ehre“ kann man (als Nicht-Oberbayer) nun gut finden oder nicht, zumindest ist es ein kleiner sprachlicher Farbtupfer im ansonsten recht eintönigen Programm, das sich von Quartal zu Quartal oft nur noch anhand der wechselnden Major Promotions unterscheiden lässt.

Die Moderatoren haben schlicht kaum noch Chancen, ihr Talent unter Beweis zu stellen, wie dies in den Neunzigerjahren noch viel eher möglich war. Die „Mehr-Musik“-Mentalität hat als Teil des modernen Formatierungskonzepts einen nicht zu unterschätzenden Flurschaden hinterlassen.

Übrigens: Inhaltlich will die „Antenne Bayern Schmankerl Show“ selbstverständlich wieder alle Hörer des Sendegebiets mitnehmen: „Kaum ein Land hat so viele kulinarische Spezialitäten wie unser Bayern! Vom fränkischen Schäufele über den oberbayrischen Schweinsbraten mit Knödel bis zu den Allgäuer Kässpatzn.“, heißt es auf der Website. So und nicht anders will es das Formatradio.

Auch wenn es für die vielen guten Moderatoren schade ist. Und nicht zuletzt auch für die Hörer.

Valerie Weber soll Chefin des WDR-Hörfunks werden

Update, 17. November 2013: Vor drei Tagen hat der Intendant des öffentlich-rechtlichen Westdeutschen Rundfunks, Tom Buhrow, bekanntgegeben, dass er Antenne-Bayern-Geschäftsführerin Valerie Weber zur Hörfunk-Direktorin seiner Anstalt machen möchte.

Weitere Informationen zum Thema finden Sie in Form einer kleinen, kommentierenden Presseschau hier. Das Programm von Antenne Bayern hat sich in den vergangenen Monaten nicht verändert. Die „Wir lieben Bayern“-Kampagne wird weiterhin gefahren, wie sich hier nachhören lässt:

Update, September 2015

Die „Wir lieben Bayern“-Kampagne wird weiterhin gefahren:

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